
Ein Feuer in der Dunkelheit
Im letzten Winter war ich an Heiligabend in Altensteig, einem kleinen Ort im Nordschwarzwald – und habe dort etwas erlebt, das mich tief berührt hat: ein uralter Brauch zur Wintersonnwende, der das Licht in der Dunkelheit feiert.
Die Nacht war eiskalt, klar und still. Auf den Höhen rund ums Tal lag Schnee – dort oben glitzerte alles im Sternenlicht. Unten im Ort war davon nichts mehr zu sehen. Wir waren durch die verschneite Landschaft hergefahren, und nun führte uns ein schmaler, steiler Weg im Dunkeln den Hang hinauf. Unsere Atemwolken standen in der kalten Luft, und irgendwo vor uns war ein leises Knistern zu hören.
Dann plötzlich: ein heller Schein, ein Funkenflug – und vor uns stand ein riesiges Feuer, das hoch in den schwarzen Nachthimmel loderte. Die Flammen warfen ihr Licht weit übers Tal und sofort war da diese besondere Wärme – körperlich und innerlich.
Am Hang standen Männer mit großen Holzfackeln. Sie bewegten sie rhythmisch auf und ab, so dass das Licht tanzte – als würden sie den Menschen auf der anderen Seite des Tals zuwinken, drüben an der Kirche und in der Altstadt. Hinter ihnen loderte eines der beiden haushohen Feuer, deren Schein weit über Altensteig hinauszusehen war.
Die Kirchenglocken läuteten das Ende des Weihnachtsgottesdienstes, und ihr Klang schwebte über das Tal. Rund um das Feuer standen Menschen, ganze Familien. Sie lachten, sangen, hielten inne. Und über allem spannte sich der klare, sternenübersäte Himmel.
Ich stand da, schaute in die Flammen und spürte, wie mich dieser Moment tief berührte.
So muss es sich angefühlt haben, als unsere Vorfahren in der dunkelsten Zeit des Jahres zusammenkamen, um das Licht zu feiern – das äußere und das innere.
Wer sich für die alten Bräuche und ihre Bedeutung im Jahreslauf interessiert,
findet in meinem Beitrag zu den Jahreskreisfesten einen Überblick über alle acht Feste – und wie sie sich heute noch spüren und feiern lassen.
Wenn das Licht zurückkehrt – Bedeutung der Wintersonnwende(Yulfest)
Denn genau das ist die Wintersonnwende, das alte Yulfest: der Wendepunkt.
Von nun an werden die Tage wieder länger, das Licht kehrt zurück.
Und jedes Jahr erinnert mich dieser Moment daran, dass auch in uns das Licht niemals ganz erlischt – selbst dann nicht, wenn das Leben gerade dunkel erscheint.
Die alten Bräuche erzählen davon auf ihre ganz eigene Weise.
Im Feuer begegnen sich Dunkelheit und Helligkeit, Tod und Neubeginn.
So wie sich auch in der Natur alles wandelt: Sie scheint stillzustehen – und bereitet sich doch schon längst auf neues Leben vor.
Vom Dunkel ins Neue – ein altes Brauchtum voller Hoffnung
Vielleicht ist es genau das, was mich an diesem Abend in Altensteig so bewegt hat: dieses Wissen, dass in der tiefsten Dunkelheit – zur Wintersonnwende – immer schon der Keim des Neuen liegt.
Für unsere Vorfahren war dieses Jahreskreisfest lebenswichtig.
Sie wussten: Das Licht kehrt zurück – und mit ihm die Hoffnung auf neues Leben.
Heute, in einer Zeit, in der es kaum noch wirklich dunkel wird, verlieren wir leicht das Gefühl dafür. Doch wenn du einmal so ein Feuer erlebst, draußen in einer klaren Winternacht, dann spürst du, was sie meinten.

Auch die Natur erinnert uns daran: Die Samen ruhen jetzt still in der Erde, scheinbar leblos – und doch tragen sie schon alles in sich, was sie im Frühjahr brauchen werden.
Und an den Zweigen sitzen die Knospen, fest verschlossen in ihren schützenden Hüllen.
Wie in einem gepolsterten Cocon wartet darin der ganze Baum – bereit auszutreiben, sobald es lange genug hell ist.
Bäume „zählen“ die hellen Tage. Erst wenn das Licht zugenommen hat und die Zeit reif ist, öffnen sie sich.
So zeigt uns die Natur, was Vertrauen heißt: Das Neue ist längst angelegt – es braucht nur seine Stunde.
Ein stilles Ritual zur Wintersonnwende
Wenn du die Wintersonnwende bewusst feiern möchtest, brauchst du kein großes Ritual.
Vielleicht zündest du einfach ein Licht an, gehst ein Stück hinaus in die Dunkelheit und atmest die kalte Luft ein.
Und während du in die Flamme schaust, frag dich:
Was darf gehen?
Was will neu wachsen – in mir, in meinem Leben?
Vielleicht ist genau das das Geschenk dieser Zeit:
einmal still zu werden.
Draußen zu stehen, den Atem zu sehen, die Kälte auf der Haut zu spüren.
Und zu merken, dass selbst in der Dunkelheit etwas in uns weiterleuchtet.
Wurzeln und Wandel – Geschichte und Symbolik der Wintersonnwende
Die Wintersonnwende, auch Jul oder Yulfest genannt, war schon für unsere keltischen und germanischen Vorfahren eines der wichtigsten Feste im Jahreskreis.
Es markierte den tiefsten Punkt des Winters – die längste Nacht – und gleichzeitig den Neubeginn. Das Licht wurde „neu geboren“.

Viele der Bräuche, die wir heute mit Weihnachten verbinden, stammen ursprünglich aus dieser Zeit.
Das Entzünden großer Feuer – wie in Altensteig – symbolisierte die Kraft der Sonne, die wiederkehrt.
Immergrüne Pflanzen wie Tannenzweige, Ilex oder Mistel galten als Zeichen des Lebens, das selbst im tiefsten Winter weiterbesteht.
Ihre grünen Blätter und roten Beeren leuchten im Grau der dunklen Tage und erinnern uns daran, dass die Lebenskraft nie ganz verschwindet.
Auch das Schmücken der Häuser mit Lichtern, das Backen, das Zusammensein in der Familie – all das sind Spuren dieses alten Sonnenfestes.
Später wurde das Yulfest in das christliche Weihnachtsfest eingebettet.
Das „wiedergeborene Licht“ wurde zum Christkind, das Hoffnung und Wärme bringt.
Doch die ursprüngliche Bedeutung blieb: In der dunkelsten Zeit des Jahres feiern wir, dass das Leben sich erneuert – in der Natur, im Kreislauf der Jahreszeiten, in uns selbst.
Genau darin liegt für mich die Kraft der Wintersonnwende:
Die Erinnerung daran, dass jedes Ende auch ein Anfang ist.
Dass Dunkelheit nicht Stillstand bedeutet, sondern Vorbereitung.
Und dass Licht nicht immer laut und grell sein muss – manchmal reicht ein einziges kleines Feuer, um das Herz zu wärmen.
Mit jedem Tag kehrt nun ein wenig mehr Helligkeit zurück.
Das nächste Fest im Jahreskreis, Imbolc, nimmt diesen Faden auf – es feiert das erste Aufblitzen des neuen Lebens und die Rückkehr der Kraft, die in Samen und Knospen schon längst erwacht ist.

Die Wintersonnwende ist nur eines von acht Jahreskreisfesten,
die uns zeigen, dass Licht und Dunkelheit, Werden und Vergehen untrennbar zusammengehören.
Mehr Informationen über die Sonnenwenden findest du auch auf Wikipedia

Hallo – ich bin Angelika aus der Kräuterwirkstatt
Draußen bei den Kräutern bin ich ganz in meinem Element – im Wald, auf dem Feld, am Wegesrand.
Als Kräuter- und Wildnispädagogin, Schwarzwald-Guide und Klimabotschafterin begleite ich Menschen in Workshops, Kräuterwanderungen und kleinen Begegnungen mit der Natur.
Was mich dabei leitet, ist eine Haltung, die ich Wildvertraut nenne – aufmerksam, verbunden und offen für das, was das Leben uns zeigt.
Sie zieht sich wie ein roter Faden durch alles, was ich anbiete. Mehr über Wildvertraut findest du hier.
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